Funktionalität und Nachhaltigkeit von Merinowolle

Schweizer Merinoschafe auf der Weise am Mont Soleil

Merinowolle

Der Begriff "Merino" bezieht sich auf eine bestimmte Schafrasse, welche ursprünglich aus Nordafrika stammt. Im Mittelalter gelangten die ersten Merinoschafe nach Spanien und von dort Ende des 18. Jahrhunderts mit Spanischen Siedlern nach Australien und Neuseeland. Diese beiden Länder sind heute mit Abstand die grössten Exporteure von Merinowolle, gefolgt von Südafrika und Argentinien.

Merinoschafe werden alle 8-10 Monate geschoren und geben  - je nach Rasse und Züchtung - zwischen 2 und 4 Kilogramm Wolle pro Schaf pro Jahr.

Schweizer Merinoschaf auf der Weise am Mont Soleil

Funktionalität von Merinowolle

Merinowolle ist eine Wunderfaser. Ihre von Outdoorsportlern sehr geschätzten funktionalen Eigenschaften - auf die wir in diesem Abschnitt vertiefter eingehen - basieren allein auf dem Aufbau der Merinofasern. Diese sind sehr fein, weich, stark gekräuselt, geschuppt und elastisch. Aber immer der Reihe nach:

Hoher Tragekomfort

Merinowolle ist bekannt für den hohen Tragekomfort und dafür, dass sie im Gegensatz zu regulärer Wolle nicht kratzt. Der Grund dafür liegt in den sehr feinen Fasern. Merinowolle hat eine durchschnittliche Faserstärke von 16.5 bis 24 Mikron (= Mikrometer = tausendstel Millimeter). Zum Vergleich: Menschliches Haar hat einen Durchmesser von etwa 30 Mikron.

„Normale“ Schafwolle ist ungefähr doppelt so dick wie Merinowolle. Die sehr feinen Merino-Fasern stehen nicht auf der Haut des Trägers auf, was dazu führt, dass Merinowolle nicht kratzt.

Isoliert gut gegen Kälte und auch Hitze

Merinofasern sind stark gekräuselt und können bis zu vierzig Kräuselungen pro Zentimeter aufweisen. Dadurch liegen die einzelnen Fasern in einem Stoff relativ locker aufeinander und in den entstehenden Zwischenräumen wird Luft eingeschlossen. Diese eingeschlossene Luft ist eine super Isolation gegen Kälte und auch gegen Hitze.

Durch die vielen Wellen der Merinowolle gibt es zudem weniger Kontaktpunkte zischen dem Stoff und der Haut, was dazu führt, dass weniger Wärme vom Körper abgeleitet wird.

Reguliert den Feuchtigkeitshaushalt und die Körpertemperatur

Merinowolle kann bis zu 30% ihres Trockengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Die Merinofasern können Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf binden und leiten so Feuchtigkeit von der Haut weg. Die Feuchtigkeit wird dabei in, bzw. zwischen den Fasern zwischengelagert, während die Faseroberfläche trocken bleibt.

Verdunstet die Feuchtigkeit bei warmen Temperaturen, entsteht kühlende Verdunstungskälte. Das macht das Tragen von Merinokleidung auch im Sommer sehr angenehm.

Wärmt im feuchten Zustand

Auch bei kalten Temperaturen erweist sich die Eigenschaft der Merinofasern, Feuchtigkeit absorbieren zu können, als sehr positiv. Während der Wasserdampf im Faserinnern gebunden wird, bleibt die Faseroberfläche trocken und stösst Wasser ab. Ein trockenes Tragegefühl ist eine wichtige Voraussetzung für einen hohen Klimakomfort.

Durch einen so genannten exothermischen Prozess erzeugen Merinofasern zudem Wärme, wenn sie Feuchtigkeit aufnehmen (so genannte Absorptionswärme). Dieser Prozess funktioniert so lange, bis die Fasern gesättigt sind und keine Wassermoleküle mehr absorbieren können.

Neutralisiert Gerüche

Eine weitere, relativ bekannte Eigenschaft von Merinowolle ist ihre Geruchsneutralisierende Wirkung. Wollfasern haben eine schuppige Oberfläche, auf welcher sich Bakterien, welche für die Bildung von üblen Gerüchen verantwortlich sind, nur schwer festhalten können. Zudem baut das Faserprotein der Wolle, genannt Keratin, Bakterien auf der Haut ab. Weniger Bakterien = weniger Geruch.

Reinigt sich selbst

Merinowolle hat eine eingebaute Selbstreinigungsfunktion. Das Innere der Wollfaser besteht aus zwei verschiedenen Zelltypen, die unterschiedlich viel Feuchtigkeit aufnehmen können. Dadurch schwellen die zwei Zelltypen unterschiedlich stark an wenn sie Feuchtigkeit absorbieren, was einen mechanischen Reibungsprozess bewirkt. Durch diesen Reibungsprozess kann sich die Merinofaser selbst reinigen, speziell bei feuchter Witterung. Aus diesem Grund muss Merinobekleidung nicht so oft gewaschen werden wie "normale" Kleidung und man kann sie lange tragen.

Schwer entflammbar

Merinowolle ist im Vergleich zu synthetischen Textilien schwer entflammbar. Deshalb ist es im Gegensatz zu einer schnell entflammbaren Kunstfaser weniger heikel, wenn am Lagerfeuer auch mal ein Glutteil auf das Shirt
trifft.

Hoher UV Schutz

Merinowolle schützt die Schafe und damit auch den Träger von Merinobekleidung gut vor UV-Strahlung und einem Sonnenbrand.

Nicht sehr reissfest

Bei den funktionalen Nachteilen von Merinowolle kommt uns nur eines in den Sinn: Die Faser ist nicht sehr reissfest. Deshalb ist beim An- und Ausziehen Vorsicht geboten, vor allem im feuchten Zustand. Auch beim Waschen empfehlen wir, Merinobekleidung in einem Waschbeutel vor Reissverschlüssen anderer Kleidungsstücke etc. zu schützen.

Fazit

Aus funktionaler Sicht erhält Merinowolle aufgrund all der oben genannten Eigenschaften fast die maximale Punktzahl. Merinowolle ist ein Wunder der Natur, welchem auch modernste Technik und Chemie nicht das Wasser reichen kann.

Aber wie steht es um die Nachhaltigkeit von Merinowolle? Ob die Naturfaser da auch so gut abschneidet wie bei der Funktionalität und wieviel Natur überhaupt noch in Merinowolle drinsteckt erfährst du im nächsten Abschnitt.

Schweizer Merinoschaf auf der Weise am Mont Soleil

Nachhaltigkeit von Merinowolle

Fangen wir mit dem Positiven an:

Tiefer Energie- und Wasserverbrauch

Die Herstellung eines T-Shirts aus Wolle verbraucht rund 20% weniger Energie als ein vergleichbares synthetisches T-Shirt und 70% weniger Wasser als ein Baumwoll-T-Shirt. In der heutigen Zeit mit weit verbreiteter Energie- und Wasserknappheit ist das sehr wertvoll.

Einfach zu färben

Merinowolle ist relativ leicht zu färben, was den Chemie- und Energieeinsatz verringert. Die ROTAUF Bio Merino Serie wird gemäss dem strikten Global Organic Textile Standard (GOTS) gefärbt und ist somit auch nach dem Färben frei von Schadstoffen.

Biologisch abbaubar

Als Naturmaterial ist Wolle 100% biologisch abbaubar und trägt so theoretisch nicht zur Mikroplastikbelastung der Umwelt bei. Aber aufgepasst: In der Praxis ist Merinowolle oft so stark chemisch behandelt und mit Synthetikfasern gemischt, dass nicht mehr wirklich von einem Naturmaterial gesprochen werden kann... Mehr dazu unten beim Negativen.

Rezyklierbar

Wolle ist rezyklierbar und kann für neue Garne oder Füllmaterialien verwendet werden. In Europa hat sich vor allem der Italienische Textilbezirk Prato mit dem Recycling von Wollprodukten einen Namen gemacht.

Muss weniger oft gewaschen werden

Wie oben bei den Funktionalen Eigenschaften beschrieben ist Merinowolle selbstreinigend und geruchsneutralisierend. Merinokleidung muss deshalb weniger oft gewaschen werden als konventionelle Kleidung. Das spart Wasser und Energie.

Nachwachsender Rohstoff

Im Gegensatz zu erdölbasierten synthetischen Fasern wie Polyester oder Polyamid ist Merinowolle ein nachwachsender Rohstoff. Alles was es für die "Produktion" von Merinowolle braucht ist ein Schaf, frische Luft, Wasser und Gras. Ganz einfach.

Diesen positiven Aspekten stehen leider auch viele negative gegenüber. Schauen wir uns diese etwas genauer an:

Schlechte Klimabilanz

Merinowolle hat verglichen mit anderen textilen Rohmaterialien eine relativ schlechte Klimabilanz. Ein Schaf produziert knapp 5 Kilogramm Methan pro Jahr. Methan wiederum ist über 100 Jahre gerechnet 28 Mal so klimawirksam wie CO2. Die Herstellung von Merinowolle führt so zu doppelt so hohen Treibhausgas-Emissionen wie die Herstellung von Kunstfaser.

Fun Fact: Rund 12% der Treibhausgas-Emissionen von Neuseeland stammt von Schafen.

Chemikalieneinsatz

Natürliche Wolle verfilzt und schrumpft beim Waschen in der Waschmaschine. Deshalb muss die Merinowolle speziell behandelt werden, um sie maschinenwaschbar zu machen. Die Wolle wird dabei standardmässig einer sogenannten “Superwash”-Ausrüstung unterzogen. Um das ineinander Verhaken der Wollschuppen beim Waschen und damit das Verfilzen der Wolle zu verhindern, werden die natürlichen Schuppen mit Chlor-Verbindungen weggeäzt. Jedoch sind diese Chlor-Verbindungen hochexplosiv und hinterlassen Rückstände von gefährlichen AOX-Verbindungen im Abwasser. Als AOX wird eine Gruppe von ganz vielen speziellen chemischen Verbindungen bezeichnet, die für den Menschen und die Natur gefährlich sind.

Nach der Behandlung mit Chlor wird die Wolle zusätzlich mit einer Plastikschicht ummantelt, um sie möglichst robust zu machen. Bei der gängigsten Superwaschausrüstung wird dazu ein Plastik namens “Polyamid-Epichlorohydrin” verwendet. Wie der Teil “-chloro-” im Namen dieses Plastiks schon andeutet, besteht auch dieser teilweise aus Chlor. Deshalb können durch diese Plastikummantelung auch noch während des Tragens giftige AOX-Verbindungen aus der Bekleidung austreten.

Seit der Einführung der Bio Merino Serie 2017 verzichtet ROTAUF aus diesen Gründen auf eine Superwash Ausrüstung mit Chlor-Behandlung und Plastikummantelung. Wir setzen stattdessen ein schonendes Verfahren namens EXP ein. So kann auch unsere Wolle in der Waschmaschine gewaschen werden - allerdings “nur” bei 30°C und mit einem guten Wollwaschmittel.

Mulesing und Sheep Dipping

Bestimmte Merinoschaf-Rassen werden mit möglichst vielen Hautfalten gezüchtet, damit die Hautoberfläche möglichst gross ist und darauf mehr Wolle pro Schaf wächst. In diesen Hautfalten können sich Fliegenmaden einnisten, vor allem um den Schwanz der Schafe. Um diesen Fliegenmaden-Befall zu verhindern, werden die Hautfalten der Schafe um den Schwanz oft ohne Schmerzausschaltung entfernt. Diese tierquälerische Praxis wird Mulesing genannt und wird heute vor allem in Australien praktiziert. In Neuseeland ist Mulesing seit 2018 verboten und auch Südamerika gilt als mulesingfrei, weil dort die lästigen Fliegen nicht vorkommen. 

Eine andere gängige Praxis um den Parasitenbefall von Schafen zu verhindern ist das so genannte "Sheep Dipping". Dabei werden Schafe mit eigens dafür entwickelten Maschinen in einem Tank mit Pestiziden/Desinfektionsmitteln unter Wasser gedrückt oder durch Pestizidbäder getrieben.

Um sicherzustellen, dass die Schafe, welche ihre Wolle für die ROTAUF Bekleidung "spenden" unter artgerechten Bedingungen und ohne tierquälerische Behandlungen leben können, verwenden wir Merinowolle aus kontrolliert Biologischer Tierhaltung (kbT). Dieser Standard richtet sich nach den europäischen Richtlinien für ökologischen Landbau und verbietet sowohl Mulesing wie auch Sheep Dipping.

Landverbrauch und Bodendegradation

Um Weidefläche für Tiere zu schaffen werden in vielen Regionen der Welt Wälder abgeholzt. Gibt es zu viele Tiere pro verfügbare Weidefläche kann es zudem durch so genanntes "Overgrazing" zu Bodendegradation, Erosion und zu einem Verlust an Biodiversität kommen.

Auch hier schafft der Biostandard Abhilfe, indem die Grösse und Regeneration der Weideflächen geregelt ist.

Merinowolle wird oft mit Kunstfaser gemischt

Aufgrund der relativ tiefen Robustheit von Merinofasern und um die Pflege zu erleichtern werden diese oft mit Kunstfasern gemischt. Das kann sich positiv auf die Robustheit und Lebensdauer von Merinotextilien auswirken, trägt aber zur Mikroplastikbelastung der Umwelt bei und verhindert, dass die Textilien biologisch abbaubar oder rezyklierbar bleiben.

Lange Transportdistanzen

Merinowolle kommt, wie zuvor beschrieben, normalerweise von weit her: Australien, Neuseeland, Südafrika und Argentinien sind die grössten Merinoexporteure der Welt. Mit den verschiedenen Verarbeitungsstufen kommen so pro T-Shirt schnell mal 40'000 Transportkilometer zusammen. 

Aufgrund der regionalen Verarbeitung der Merinowolle (Stricken, Färben, Nähen in der Schweiz) sind diese Werte bei ROTAUF wesentlich tiefer, aber auch unsere Merino Seide Bekleidung sammelt über die gesamte Wertschöpfungskette rund 10'000 Transportkilometer. Um diese Distanz zu verkürzen, sind wir immer auf der Suche nach lokaleren Merino-Alternativen. Mit Schweizer Merinowolle und Spanischer Merinowolle haben wir mittlerweile in einzelnen Produkten zwei solche Alternativen im Angebot und wir hoffen, dass wir den Anteil an lokaler Merinowolle über die kommenden Jahre weiter ausbauen können.

Fazit

Den unbestrittenen funktionalen und ökologischen Vorteilen von Merinowolle stehen eine Reihe ökologischer Nachteile und tierquälerische Methoden gegenüber.

Während wir durch den Einsatz von Merinowolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung und umweltfreundliche Ausrüstungs- und Färbeverfahren viele dieser Nachteile in den Griff bekommen können, bleiben insbesondere in Bezug auf die schlechte Klimabilanz von Merinowolle und die langen Transportdistanzen noch einige zentrale Herausforderungen bestehen.


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