TENCEL™ Lyocell – ehrlicher Nachhaltigkeits-Check

TENCEL™ Lyocell – ehrlicher Nachhaltigkeits-Check

 ·  Christian Binkert

Holz als Rohstoff für Lyocell – Chance und Verantwortung

Vorteile von Holz als Rohstoff
Holz ist ein nachwachsender, biobasierter Rohstoff, der – im Gegensatz zu Erdöl – grundsätzlich erneuerbar ist. Für Lyocell wird meist Holz aus schnell wachsenden Arten wie Fichte, Buche oder Eukalyptus verwendet. Im Vergleich zu Baumwolle braucht der Rohstoffanbau deutlich weniger Wasser und keine landwirtschaftlichen Monokulturen mit intensiver Bewässerung.

Richtig bewirtschaftet kann Holz zudem eine wichtige Rolle im CO₂-Kreislauf spielen, da Wälder Kohlenstoff speichern.

Kritische Punkte:
Die grösste Herausforderung liegt nicht im Holz selbst, sondern in der Herkunft:
- Risiko von Monokulturen (z. B. Eukalyptus-Plantagen)
- potenzielle Verdrängung natürlicher Ökosysteme
- Transportwege und industrielle Forstwirtschaft
- Frage der langfristigen Biodiversität

Holz ist also nur dann wirklich nachhaltig, wenn es aus verantwortungsvoller Forstwirtschaft stammt.

Was Lenzing (TENCEL™) konkret macht

Der Lyocell-Hersteller Lenzing AG adressiert genau diese Kritikpunkte:
- Einsatz von FSC®- und PEFC-zertifiziertem Holz
- Fokus auf kontrollierte Lieferketten und Rückverfolgbarkeit
- Mischung aus verschiedenen Regionen und Holzarten zur Reduktion von Monokulturen
- Nutzung von Nebenprodukten der Holzindustrie (statt primär gefällter „Primärwälder“)
- geschlossene Produktionskreisläufe (Chemikalien- und Wassermanagement kombiniert)

Transparenz Check: ehrlich eingeordnet
Lenzing AG arbeitet im Vergleich zur restlichen Textilindustrie mit einem überdurchschnittlich transparenten System und gehört zu den wenigen Faserherstellern, die sehr tief in die vorgelagerte Lieferkette eingreifen können, weil sie selbst am Anfang der Wertschöpfung stehen (Holz → Zellstoff → Faser)

Das ermöglicht drei zentrale Transparenz-Ebenen:
- Rohstoffebene (Holz): vollständig über Zertifizierungen und Kontrollsysteme abgesichert
- Produktionskette: alle eigenen Werke sind nach ISO, FSC/PEFC Chain of Custody zertifiziert
- Faser-Tracking: physische und digitale Rückverfolgbarkeit der Fasern bis in den Stoff möglich

Das bedeutet: Herkunft und Verarbeitung der Rohstoffe sind strukturiert geprüft und mehrfach extern kontrolliert – nicht nur intern behauptet.

Trotzdem bleibt auch hier eine Realität bestehen: Die Lieferkette ist global und komplex, und selbst starke Zertifizierungssysteme können nicht jeden einzelnen Schritt in Echtzeit vollständig abbilden. Transparenz ist also hoch, aber nicht absolut.

Lyocell, Baumwolle und Polyester – ein ehrlicher Vergleich der Herstellung

Kein Material ist perfekt. Die Unterschiede zeigen sich erst wirklich in der Herstellung.

Baumwolle ist eine natürliche, nachwachsende Faser, die angenehm zu tragen und biologisch abbaubar ist, hat aber den Nachteil eines oft hohen Wasserverbrauchs im Anbau sowie eines möglichen Einsatzes von Dünger und Pestiziden, wodurch die Umweltbilanz stark vom Anbaugebiet abhängt.

Polyester ist sehr robust, langlebig und in der Herstellung wasserarm, hat aber den klaren Nachteil einer fossilen Basis aus Erdöl, höheren CO₂-Emissionen und der Freisetzung von Mikroplastik beim Waschen sowie fehlender biologischer Abbaubarkeit.

Lyocell (TENCEL™) wird aus Holz als nachwachsendem Rohstoff hergestellt, benötigt bis zu 75 % weniger Wasser als Baumwolle und verursacht weniger CO₂ als Polyester, bietet einen hohen Tragekomfort und ist biologisch abbaubar, hat aber den Nachteil eines aufwendigeren Produktionsprozesses mit chemischem Lösungsmittel, das jedoch in einem geschlossenen Kreislauf zu über 99 % zurückgewonnen wird, sowie höheren Herstellungskosten.

Baumwolle punktet mit Natürlichkeit, Polyester mit Robustheit und Lyocell vereint viele Vorteile beider Welten. Der Rohstoff stammt aus Holz statt aus Erdöl, benötigt deutlich weniger Wasser als Baumwolle und kommt ohne Mikroplastik aus.

Das Lösungsmittel – einfach erklärt

Im Prozess wird meist N-Methylmorpholin-N-oxid (NMMO) verwendet. Dieses Lösungsmittel löst die Zellulose aus dem Holz, ohne sie chemisch zu zerstören.

Das Entscheidende:
Über 99 % des Lösungsmittels werden im Kreislauf wieder zurückgewonnen und erneut verwendet.

Was passiert mit dem restlichen 1%?
Der kleine Rest kann:
- als minimale Spuren im Prozess verloren gehen
- in der internen Abwasserbehandlung abgebaut werden
- oder stark verdünnt im gereinigten Abwasserstrom landen

Ist das schädlich?
Unter den üblichen industriellen Bedingungen: nicht im relevanten Ausmass.

Warum:
- die Mengen sind extrem gering und stark verdünnt
- NMMO ist unter geeigneten Bedingungen biologisch abbaubar
- moderne Anlagen arbeiten mit geschlossenen Kreisläufen und integrierter Abwasserreinigung
- Emissionen sind gesetzlich streng reguliert und überwacht

Kurz gesagt:
Der kleine Rest der Chemikalie ist kein klassischer Schadstoffeintrag in die Natur, sondern ein minimaler, kontrollierter Prozessverlust, der in modernen Anlagen aufgefangen und biologisch behandelt wird, bevor er die Umwelt erreichen könnte.

Lokale Herkunft & Produktion – ein oft unterschätzter Faktor

Ein wichtiger Punkt bei Lyocell ist nicht nur das Material selbst, sondern wo es herkommt und wie weit es reist.

Beim Hersteller Lenzing AG spielt genau dieser Aspekt eine zentrale Rolle: Ein grosser Teil der Produktion findet in Österreich und Europa statt – vom Zellstoff bis zur fertigen Faser.

Auch das Holz stammt überwiegend aus regionalen, europäischen Quellen. Das reduziert Transportwege und ermöglicht eine engere Kontrolle entlang der gesamten Lieferkette – vom Wald bis zur Faser.

Warum das relevant ist

Kurze Wege bedeuten nicht automatisch „perfekt nachhaltig“, aber sie bringen klare Vorteile:

- weniger Transportemissionen
- bessere Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe
- engere Standards bei Forstwirtschaft und Verarbeitung
- höhere Kontrolle über Qualität und Umweltauflagen

Gerade im Vergleich zu globalen Baumwoll- oder Polyester-Lieferketten ist das ein struktureller Vorteil: weniger Zwischenstationen, weniger Blind Spots.

Unser Fazit:

Für uns gehört Lyocell zu den spannendsten Fasern, die heute verfügbar sind. Die Kombination aus nachwachsendem Rohstoff, reduziertem Wasserverbrauch, effizienter Kreislaufproduktion und hohem Tragekomfort ist stark.

Im direkten Vergleich zu Baumwolle und Polyester zeigt Lyocell, dass moderne Textilfasern Funktionalität und deutlich geringere Umweltwirkungen verbinden können.

Ein grosser Teil der Lyocell-Produktion findet in Europa statt – mit Holz aus kontrollierten Quellen und kurzen Wegen zwischen Wald, Produktion und Faser. Das verstärkt die positiven Eigenschaften des Materials zusätzlich.

Am Ende gilt für uns aber immer:
Das nachhaltigste Material bringt wenig, wenn ein Produkt nur kurz getragen wird. Entscheidend ist nicht nur die Faser – sondern die Lebensdauer eines Produkts.

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