TENCEL Lyocell – ehrlicher Nachhaltigkeits-Check

TENCEL Lyocell – ehrlicher Nachhaltigkeits-Check

 ·  Christian Binkert

Holz als Rohstoff für Lyocell – Chance und Verantwortung

Holz klingt erstmal automatisch nachhaltig. Die Realität ist etwas differenzierter: Auch ein nachwachsender Rohstoff kann problematisch sein, wenn er falsch gewonnen oder verarbeitet wird.

Vorteile von Holz als Rohstoff
Holz ist ein nachwachsender, biobasierter Rohstoff, der – im Gegensatz zu Erdöl – grundsätzlich erneuerbar ist. Für Lyocell wird meist Holz aus Arten wie Fichte, Buche oder Eukalyptus verwendet. Im Vergleich zu Baumwolle benötigt die Holzproduktion in vielen Regionen deutlich weniger Wasser und kommt meist ohne künstliche Bewässerung aus.

Gleichzeitig lohnt sich ein genauer Blick auf die Herkunft: Während europäische Wälder oft natürlich bewässert werden, stehen schnell wachsende Plantagenarten wie Eukalyptus teilweise in der Kritik, lokale Ökosysteme und Wasserhaushalte zu beeinflussen. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Holzart, sondern vor allem, wie und wo sie angebaut wird.

Richtig bewirtschaftete Wälder können Teil eines natürlichen Kohlenstoffkreislaufs sein. Für Lyocell wird zwar Holz geerntet, entscheidend ist jedoch, dass die Wälder nachhaltig bewirtschaftet und wieder aufgeforstet werden. So stammt der Rohstoff aus einem nachwachsenden System statt aus fossilen Quellen wie Erdöl.

Kritische Punkte: Herkunft und globale Realität
Auch wenn Holz oft FSC®- oder PEFC-zertifiziert ist, gilt: Diese Systeme sind wichtige Kontrollinstrumente, aber keine vollständige Echtzeit-Überwachung jeder Waldfläche. Sie arbeiten mit Audits, Stichproben und Dokumentation – und reduzieren Risiken deutlich, ohne sie komplett zu eliminieren.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Auch zertifiziertes Holz ist Teil eines globalen Rohstoffmarktes. Materialien können aus verschiedenen Regionen stammen und entlang der Lieferkette gemischt werden. Gleichzeitig steigt die weltweite Nachfrage nach Zellulosefasern kontinuierlich.

Das bedeutet: Zertifizierungen und Rückverfolgbarkeit verbessern die Situation deutlich – die strukturelle Herausforderung eines wachsenden globalen Rohstoffbedarfs bleibt jedoch bestehen.

Was Lenzing (TENCEL™) konkret macht

Der Lyocell-Hersteller Lenzing AG adressiert genau diese Kritikpunkte:
- Einsatz von FSC®- und PEFC-zertifiziertem Holz
- Fokus auf kontrollierte Lieferketten und Rückverfolgbarkeit
- Mischung aus verschiedenen Regionen und Holzarten zur Reduktion von Monokulturen
- Nutzung von Nebenprodukten der Holzindustrie (statt primär gefällter „Primärwälder“)
- geschlossene Produktionskreisläufe (Chemikalien- und Wassermanagement kombiniert)

Transparenz Check: ehrlich eingeordnet
Lenzing AG arbeitet im Vergleich zur restlichen Textilindustrie mit einem überdurchschnittlich transparenten System und gehört zu den wenigen Faserherstellern, die sehr tief in die vorgelagerte Lieferkette eingreifen können, weil sie selbst am Anfang der Wertschöpfung stehen (Holz → Zellstoff → Faser)

Das ermöglicht drei zentrale Transparenz-Ebenen:
- Rohstoffebene (Holz): vollständig über Zertifizierungen und Kontrollsysteme abgesichert
- Produktionskette: alle eigenen Werke sind nach ISO, FSC/PEFC Chain of Custody zertifiziert
- Faser-Tracking: physische und digitale Rückverfolgbarkeit der Fasern bis in den Stoff möglich

Was nicht vollständig transparent ist
- keine vollständige Sicht bis in jede Waldparzelle weltweit in Echtzeit
- Abhängigkeit von Zertifizierungssystemen (die selbst nicht perfekt sind)
- Komplexe globale Holz- und Zellstoffmärkte bleiben teilweise „systemisch“ schwer vollständig kontrollierbar

Das bedeutet: Herkunft und Verarbeitung der Rohstoffe sind strukturiert geprüft und mehrfach extern kontrolliert – nicht nur intern behauptet.

Trotzdem bleibt auch hier eine Realität bestehen: Die Lieferkette ist global und komplex, und selbst starke Zertifizierungssysteme können nicht jeden einzelnen Schritt in Echtzeit vollständig abbilden. Transparenz ist also hoch, aber nicht absolut.

Die Verarbeitung: Vom Baum zur Faser

Bevor aus Holz eine Lyocell-Faser wird, muss es zunächst zu Zellstoff verarbeitet werden. Dabei werden Holzbestandteile wie Lignin und Hemizellulose von der Zellulose getrennt – dem eigentlichen Grundbaustein der späteren Faser.

Auch dieser Schritt benötigt Energie, Wasser und technische Prozesse. Die Umweltbilanz hängt deshalb nicht nur vom Holz selbst ab, sondern auch davon, wo und mit welcher Energie der Zellstoff hergestellt wird.

Der Vorteil von Lyocell liegt darin, dass die Zellulose anschliessend in einem geschlossenen Kreislauf weiterverarbeitet wird. Trotzdem bleibt die Herstellung ein industrieller Prozess, der Ressourcen benötigt und nicht mit einem natürlich gewachsenen Rohstoff verwechselt werden sollte.

Das Lösungsmittel – einfach erklärt

Im Lyocell-Verfahren wird meist N-Methylmorpholin-N-oxid (NMMO) verwendet. Dieses Lösungsmittel löst die Zellulose aus dem Holz, ohne sie chemisch zu verändern.

Das Entscheidende: Über 99 % des Lösungsmittels werden im Kreislauf zurückgewonnen und wiederverwendet.

Der verbleibende kleine Rest kann:
- als minimale Spuren im Prozess verbleiben
- in der internen Abwasserbehandlung abgebaut werden
- oder stark verdünnt im gereinigten Abwasserstrom landen

Unter industriellen Bedingungen ist dieser Rest nicht als relevanter Schadstoffeintrag zu bewerten. Die Mengen sind sehr gering, biologisch behandelbar und gesetzlich streng reguliert.

Lokale Herkunft & Produktion – ein oft unterschätzter Faktor

Ein grosser Teil der Lyocell-Produktion findet in Europa statt – vom Zellstoff bis zur fertigen Faser. Auch das Holz stammt überwiegend aus regionalen, kontrollierten Quellen.

Das bringt Vorteile:
- kürzere Transportwege
- bessere Rückverfolgbarkeit
- engere Umwelt- und Produktionsstandards
- weniger komplexe Lieferketten

Gleichzeitig gilt auch hier: Die tatsächliche Umweltwirkung hängt zusätzlich von Energiequelle und Produktionsstandort ab.

Unser Fazit:

Wir sehen TENCEL™ Lyocell als einen der derzeit überzeugendsten textilen Rohstoffe. Nicht weil die Faser perfekt ist, sondern weil Lenzing viele der bekannten Herausforderungen rund um Transparenz, Rohstoffherkunft und Produktionsprozesse aus unserer Sicht konsequenter adressiert als ein grosser Teil der Branche.

Am Ende gilt für uns aber immer:
Das nachhaltigste Material bringt wenig, wenn ein Produkt nur kurz getragen wird. Entscheidend ist nicht nur die Faser – sondern die Lebensdauer eines Produkts.



Erfahre mehr über die Eigenschaften und Herstellung von Tencel Lyocell:

Quellen: 
Lenzing AG
NMMO - Wissenschaftliche Übersicht Lyocell Prozess
FSC (Forest Stewardship Council)
PEFC 

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